Zur Theologie des Schulder Passionsspiels
Manche bekannten Passionsspiele sind gekennzeichnet durch eine enorm lange Spieldauer und einen spielerischen Gang ins Detail und ins Nebensächliche.
Diese Passion zeichnet sich aus durch Nüchternheit und Straffheit: Weg vom spielerischen Detail - hin zum zentralen Heilsereignis. In straffer Form - ohne sich in Nebensächlichkeiten zu Verlieren - führt das Spiel Zielbewusst von einem entscheidenden Ereignis zum anderen.
Die ersten Szenen zeigen auf, wie sich die Katastrophe langsam anbahnt. Die Situation spitzt sich immer mehr zu. Den meisten Pharisäern und Mitgliedern des Hohen Rates ist Jesus verhasst. Sie wollen ihn beseitigen. Mit dem Einzug in Jerusalem erhebt Jesus öffentlich den Anspruch, der "König der Juden" und damit der Messias zu sein.
Judas wird nicht, wie gemeinhin üblich, als naiver Bösewicht dargestellt, der es von vornherein auf einen Verrat seines Meisters abgesehen hätte. Er ist ein innerlich zerrissener Mensch, der um Wahrheit und Erkenntnis ringt. Er scheitert an Jesus, weil er in ihm nicht den Messias erkennt. Er bricht ihm die Treue, weil er den Weg und das Programm Jesu nicht akzeptieren will.
Das Verhalten Jesu und sein Verhältnis zum Hohen Rat der Juden führt unweigerlich zur Katastrophe.
Aber: im letzten ist es nicht der Lauf der Dinge und nicht die Entscheidung der jüdischen oder römischen Obrigkeit, dass Jesus den grausamen Weg des Kreuzestodes gehen muss, sondern es ist Gottes Ratschluss, dass Jesus leiden, sterben und auferstehen muss. Der Tod des Messias ist kein Zufall, sondern er entspricht dem Heilsplan Gottes.
Jesus selbst wusste um seinen Tod. Er hat nicht bloß wiederholt gesagt, dass er leiden werde, sondern sein Leiden auch als ein von seinem Vater bestimmtes "Muss" bezeichnet. Dieses Leiden-Müssen gehört zu seiner messianischen Sendung. Er lebt in dem Bewusstsein, der Gottesknecht von Jesaja 53 zu sein, der stellvertretend sein Leben als Lösegeld für die Vielen hingibt.
Jesus ist der große Beter, der sich ganz im Auftrag und in der Sendung des Vaters weiß (Abendmahls-Szene).

Er ist der große Lehrer, der seinen Jüngern das neue Gebot der Liebe gibt. Er weiß sich als der Erfüller des Alten Bundes und der Begründer des Neuen Bundes.
Das letzte Abendmahl ist von der Gewissheit des unmittelbar bevorstehenden Todes überschattet. Die Einsetzung der Eucharistie erfolgt im Hinblick auf den bevorstehenden Tod, bei dem sein "Bundesblut" für viele vergossen werden wird.
Am Schluss treten zwei Personen immer mehr in den Vordergrund und entwickeln sich zu Interpreten des Geschehens:
Josef von Arimathäa:, als Vertreter des Alten Bundes deutet er die Passion Jesu im Licht der alttestamentlichen Weissagung und sieht in Jesus die Schriften des Alten Testamentes erfüllt. . Er erkennt in Jesus den Leidenschaftlichen Gottesknecht, das Lamm Gottes, das zur Schlachtbank geführt wird, den Messias. Durch die Hingabe seines Sohnes hat Gott die Welt mit sich versöhnt. Er hat ihn gesandt als Sühnopfer für unsere Sünden.
Johannes: Nach einem langen Leben des Gebetes und der theologischen Betrachtung dieses Ereignisses hat er die Antwort auf die brennende Frage gefunden: Wer ist dieser Jesus von Nazareth?: Dieser Jesus ist das wahre Licht der Welt. Er ist der Christus, der von Gott gesandte und bevollmächtigte Messias. Er ist der ewige Logos, das "Wort Gottes", das Fleisch angenommen und in diese Welt gekommen ist. Er ist der wahre Gottessohn, der von Ewigkeit her beim Vater lebt.
Die Welt ist durch ihn geworden. Er kam in diese Welt, doch die Seinen nahmen ihn nicht auf. Alle aber, die ihn aufnahmen, machte er zu Kindern Gottes.
September 2003
Gerold Rosenthal, Pfarrer